Ich bin mir nicht sicher – und das ist gut so!

23.02.2026
Kilian Trotier

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Eine Kolumne von Kilian Trotier
Chefredakteur des ZEITmagazins

Liebe Leserin, lieber Leser,

mit der eigenen Meinung ist es vertrackt. Man selbst ist sich sicher (ganz sicher!), dass sie die Krönung der Schöpfung ist, also mindestens. Und dann, mit etwas Abstand, blickt man drauf und denkt mal: Ja, stimmt, seh ich heute noch so. Oft aber auch: Wirklich? Das habe ich mal gedacht?

Meinungen, Ansichten, Einstellungen verändern sich. Aber das wollen wir oft nicht wahrhaben. © Emma Grann/​plainpicture

Als Jugendlicher habe ich meine Locken immer mit Gel in Form gebracht (oder zumindest in das, was ich als Form empfand). Ich weiß noch, wie mein Vater mir sagte: Kilian, lass es doch heute mal sein. Und ich dachte: Was hat er da gerade gesagt? Das bin ich, und ich bin mir ABSOLUT sicher, dass ich auch in seinem Alter und selbst als Opa noch Gel in den Haaren tragen werde. Es ist mir ein wenig peinlich, aber ich erinnere mich sehr genau an dieses Gefühl der absoluten Gewissheit: Nein, mein Vater hat sie nicht mehr alle! Nun, es dauerte nur wenige Jahre und ich änderte meine Meinung komplett. Seit ich in Kanada an kältesten Wintertagen das Gel (aus Gründen) aus meinen Haaren gelassen habe, ist nie wieder etwas hereingekommen, und heute denke ich: Wie konnte ich nur?

Meine Haare sind ein harmloses Beispiel. Am Gel geht nicht die Welt zugrunde. Aber der Mechanismus, der dabei ersichtlich wird, gilt nicht nur fürs Gel. Mein geschätzter Kollege Harald Martenstein schreibt seit Jahren darüber, dass er sich über die Zeit gewandelt habe – vom radikalen Linken zum Konservativen. Dazu passt das berühmte Zitat, das Winston Churchill zugeschrieben wird, der es wohl aber nicht gesagt hat: "Wer mit 20 nicht links ist, hat kein Herz, wer es mit 40 immer noch ist, keinen Verstand."

Eigentlich sollte es eine Selbstverständlichkeit sein: Meinungen, Ansichten, Einstellungen verändern sich. Eine US-amerikanische Studie hat das auf beeindruckende Weise verbildlicht. Psychologinnen und Psychologen begleiteten 1.795 Personen über einen Zeitraum von 50 Jahren, vom 16. bis zum 66. Lebensjahr. Sie fanden heraus, dass bestimmte Merkmale stabil sind – wer beispielsweise extravertiert ist in der Jugend, ist das im Alter zumeist auch noch. Gleichzeitig entwickelten sich die Menschen weiter und bildeten neue Ansichten. Sie wurden im Durchschnitt im Alter gewissenhafter, emotional stabiler und verträglicher. Die Studie zeigt: Unsere Leben verändern sich permanent. Und wenn sich etwas verändert, dann beeinflusst das auch unsere Gefühle und unser Denken. Betrachten wir das abstrakt, sagen wir wohl alle: Ja, total logisch. Nur im konkreten Moment, wenn es um die Meinung zu einem bestimmten Thema geht, da denkt man doch: Ich habe recht! Und zwar so was von!

Das ist ein Problem.

Natürlich gibt es Fakten, die nicht zu umgehen sind. Ich will hier nicht den Relativierern das Wort reden, verschwörungsheischend Wladimir Putin als eigentliches Opfer seines Angriffskrieges gegen die Ukraine interpretieren. Darum geht es nicht. 

Es geht darum, die eigene Meinung immer auch zu hinterfragen – so sehr man auch von ihr überzeugt ist. Das ist anstrengend, klar. Man ist mit weniger Fanfare unterwegs. Muss sich immer mal wieder zurücknehmen und nachdenken: Stimmt das wirklich, was ich da sage, denke, vor mich hin meine? Es kann dazu führen, dass man sich öfter mal nicht zu Wort meldet, in der Familie, im Freundeskreis, auf der Arbeit, oder abwägt und zweifelt, weil man sich nicht sicher ist. Ja, der abschätzige Blick auf andere ist so viel einfacher in Worte zu fassen.

Aber es gibt auch eine andere Seite. Das Hinterfragen hat etwas Befreiendes. Man fühlt sich nicht mehr von der Last der eigenen Meinung erdrückt. Denn die ist nicht immer nur etwas Beschwingendes. Man kann sagen: "Ich weiß es gerade nicht", oder: "Ich bin mir nicht sicher", ohne dabei vor Scham zu versinken. Man kann eigene Unsicherheiten zeigen und gemeinsam mit anderen eine Lösung erarbeiten. Sich zu hinterfragen ist, wie einen Muskel zu trainieren. Man kann reflexhaft seinem Gefühl folgen und gleich sagen: Ich finde aber …! Oder man kann sich zurücknehmen und sagen: Gebt mir bitte eine Minute, ich brauche ein wenig, um meine Gedanken zu sortieren. Das Zweite führt gemeinhin dazu, dass man – nun ja – ein besserer Mensch ist. Das zumindest ist meine Meinung (die abgewägt ist, natürlich).

Warum ich mir da (recht) sicher bin? Wegen Studien wie dieser: Ein belgisches Forschungsteam hat in einer Befragung herausgefunden, dass Menschen, denen es wichtig ist, ihre Ansichten zu hinterfragen, eher mit Unsicherheiten umgehen können. Sie nehmen Widersprüche zur Kenntnis, ohne von ihnen gestresst zu sein, und halten Mehrdeutigkeiten aus.

Ich würde sagen: Das ist doch eine ziemlich gute Grundlage fürs Leben in unseren Zeiten. Oder?

Die Kolumne "Der Optimist" von Kilian Trotier erscheint jeden dritten Montag.