Muss man mit Kindern auf Karriere verzichten?

17.02.2026
Jana Sepehr

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"Karriere und Kind – ich wäre daran kaputtgegangen"

Sie wurden Eltern. Und versuchten beide, Vollzeit zu arbeiten. Bis sie verstand, welche Opfer das verlangte. Und eine Entscheidung traf, mit der viele Mütter hadern.


Als ich ein Kind war, kam mein Vater abends spät von der Arbeit nach Hause und setzte sich an den gedeckten Tisch. Er arbeitete viel, meine Mutter war Hausfrau. Sie kaufte ein, bügelte seine Hemden, putzte, kochte und verbrachte die Nachmittage mit mir und meinem Bruder. Dass auch das Arbeit ist, darüber wurde nie gesprochen. Das fand ich schon damals unfair.

Ich war zwölf Jahre alt, als sich meine Eltern trennten. Ich habe gesehen, wie schwer es für meine Mutter war. Sie war immer zu Hause gewesen, hatte kein eigenes Geld verdient. Damals schwor ich mir: Ich will nie von einem Mann abhängig sein. Heute ist die Rollenverteilung zwischen meinem Mann und mir dennoch viel klassischer, als ich es geplant hatte. 

Wir haben uns während der Schulzeit kennengelernt, im Sommer 2006 in einer Dorfdisco. Wir sahen uns nur kurz, er kam an, als ich ging. Aber der Blickkontakt war so intensiv, dass ich sicher war, dass er auch Interesse hatte. Meine Freundin war ungeduldig und meinte: Entweder du sprichst ihn jetzt an oder wir gehen. Heute sind wir seit 20 Jahren ein Paar, länger als mein halbes Leben.

Wir waren immer ein Team, haben Entscheidungen, die uns beide betreffen, immer gemeinsam getroffen. Bei der Einrichtung hat mein Mann eher das letzte Wort, bei der Urlaubsplanung ich, aber am Ende entscheiden wir gemeinsam. Er ist nicht nur mein Mann, sondern auch mein bester Freund. 2019 haben wir geheiratet und dann zwei Kinder bekommen. Unsere Tochter ist heute vier Jahre alt, unser Sohn eineinhalb. 

Wir haben schon früh darüber gesprochen, dass wir Kinder wollen. In den ersten Jahren unserer Beziehung haben wir uns ausgemalt, wie sie wohl aussehen würden. Ich wollte immer Mutter sein, konnte mir ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen. Aber ich wollte auch Karriere machen, einen Job haben, der mir Spaß macht, nicht zurückstecken, finanziell unabhängig sein. Komischerweise habe ich damals wenig darüber nachgedacht, was Kinder für meine Karriere bedeuten würden. Heute weiß ich: Wer alles unter einen Hut bringen will, muss Opfer bringen.

Wir hatten beruflich ähnliche Ambitionen

Nach dem Bachelor zogen mein Partner und ich gemeinsam nach London. Ich machte meinen Master am King's College, einer wirklich renommierten Uni. Ich musste hart kämpfen, um mitzuhalten. Danach fanden wir beide Jobs in Düsseldorf, bei einem großen Konzern im Beauty- und Pflegebereich. Mein Mann und ich hatten beruflich ähnliche Ambitionen.

Ich fing als Junior-Produktmanagerin an, fuhr von Parfümerie zu Parfümerie. Das war ein toller Einstieg. Ich habe schon als Teenie gerne viel Zeit in Parfümerien verbracht, Parfums und Kosmetik ausprobiert und geschaut, was es Neues gibt.

In meiner Abteilung arbeiteten extrem karriereorientierte Frauen. Ich fragte mich manchmal: Kann ich das überhaupt schaffen, wenn ich mal Kinder habe? Die meisten Frauen in Führungspositionen hatten keine. Mütter arbeiteten fast alle in Teilzeit und in relativ anspruchslosen Positionen – das wollte ich auf keinen Fall. Die einzige Führungskraft mit kleinen Kindern war unsere Marketingdirektorin. Sie hat sicher 40 Stunden pro Woche im Büro gearbeitet und abends meistens noch zu Hause. Ihr Mann war selbstständig und konnte viel übernehmen, erzählte sie mir damals.

Heute denke ich, mindestens ein Elternteil muss beruflich flexibel sein, sonst können nicht beide in Vollzeit arbeiten. Es sei denn, man hat eine Nanny oder ein Au-pair.

2018 zogen wir zurück in unsere Heimatstadt Hamburg. Drei Jahre später kam unsere Tochter zur Welt. Vor meinem Mutterschutz arbeitete ich im Markenmanagement eines Kosmetikherstellers. Ich wollte aber schon lange intern ins digitale Marketing wechseln – ein zukunftsfähiger und abwechslungsreicher Job. Meine Chefin sagte mir eine neue Stelle zu, wenn ich aus der Elternzeit zurückkomme. Allerdings nur in Vollzeit.

Der Job war genau das, was ich wollte. Ich ging den Deal ein. Bevor ich schwanger war, hatte ich mir alles wie im Bilderbuch vorgestellt. Ich wusste nicht, dass das erste Kitajahr die Hölle ist und man froh sein kann, wenn einmal eine Woche am Stück krankheitsfrei verläuft.

Will ich mein Kind den ganzen Tag abgeben?

Nach der Geburt unserer Tochter begann ich zum ersten Mal zu zweifeln. Will ich wirklich in Vollzeit arbeiten und mein Kind den ganzen Tag abgeben? Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sich das so falsch anfühlen würde. Ich glaube, dass viele Mütter diese innere Zerrissenheit spüren, wenn sie ein Jahr fast ausschließlich mit ihrem Kind zusammen waren.

Also begann ich, einen Wochenplan zu basteln: Wie viele Stunden kann ich wann arbeiten? Wer bringt das Kind in die Kita? Wer holt es wann ab? Mein Mann und ich wechselten uns ab, an den Nachmittagen halfen die Großeltern. Trotzdem fühlte es sich von Anfang an nicht gut an. Irgendetwas kam immer zu kurz. Außerdem ist meine Tochter ein sehr sensibles Kind. In den ersten Monaten weinte sie jeden Morgen, wenn ich sie in die Kita brachte.

Sobald sie oder einer von uns krank war, fiel das Kartenhaus in sich zusammen. Meist blieb ich zu Hause. Nicht nur, weil es für unsere Tochter leichter war, sondern auch, weil mein Mann in einem reinen Männerteam arbeitet, in dem keiner Verständnis gehabt hätte, wenn er nach Hause gegangen wäre. Es war uns beiden klar, dass es für ihn in seiner Position, mit den Teamstrukturen und gesellschaftlichen Normen, schwieriger war, sich loszureißen. Wir haben nie darüber gestritten. Trotzdem empfand ich es als unfair.

Und es wurde zu einer ständigen Doppelbelastung für mich. Abends arbeitete ich oft weiter, erledigte das Nötigste, oft so müde, dass ich nach dem Abendessen am liebsten nur ins Bett wollte. Ich vernachlässigte meine Freundinnen, antwortete tagelang nicht auf Nachrichten. Gleichzeitig wollte ich mehr Zeit mit meinem Kind verbringen, es nachmittags zum Turnen bringen oder mit ihm auf den Spielplatz gehen. Mein Mann und ich haben abends oft darüber gesprochen, ich hoffte, dieses Gefühl würde irgendwann verschwinden. Tat es aber nicht.

Nach einem halben Jahr zog ich die Reißleine und ging in Teilzeit, rund 80 Prozent. Seit der Geburt unseres Sohns würde es anders auch gar nicht mehr gehen.

Ich würde nicht mehr mit ihm tauschen wollen

Heute arbeite ich 32 Stunden pro Woche und bin immer noch mehr als ausgelastet. Sport mache ich kaum, Freundinnen sehe ich normalerweise einmal in der Woche – für mehr habe ich einfach keine Energie. Mein Tag beginnt spätestens um sechs Uhr und oft liege ich schon um 21 Uhr erschöpft im Bett. Trotzdem ist es besser als vorher, als ich noch in Vollzeit gearbeitet habe. Ich arbeite zwar noch recht viel, aber 32 Stunden sind das Minimum, wenn ich die Rolle der Managerin behalten möchte, mit weniger wäre der Job nicht zu schaffen. Auch in anderen Unternehmen werden Managerpositionen kaum in Teilzeit ausgeschrieben, Jobsharing ist die absolute Ausnahme. Momentan möchte ich das, mein Job macht mir Spaß, und ich habe eine gewisse Flexibilität bei den Arbeitszeiten.

Theoretisch hätte natürlich auch mein Mann beruflich zurückstecken können. Doch für ihn war das keine Option. Er hat immer gesagt, dass er nicht der Typ ist, der den ganzen Tag zu Hause bei den Kindern bleiben möchte. Beruflicher Erfolg bedeutet ihm sehr viel. Mir auch – aber seit ich Mutter bin, haben sich meine Prioritäten verschoben. In dem Moment, als ich mich für Teilzeit entschieden hatte, konnte ich mich innerlich damit arrangieren. Für mich war es wichtig, es versucht zu haben, beides zu haben – Karriere und Kind. Doch so, wie ich mir ein Familienleben vorstelle, geht beides nicht. Ich wäre daran kaputtgegangen. Diese Entscheidung ist individuell. Man muss sich als Frau genau überlegen, was in der aktuellen Lebenssituation Priorität hat. Deshalb wundert es mich nicht, dass einige Frauen erst später Kinder bekommen, wenn sie beruflich schon etwas erreicht haben. 

Als ich meine Stunden reduzierte, waren mein Mann und ich beruflich in ähnlichen Positionen, verdienten ähnlich viel. Heute ist er Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens und der Hauptverdiener. Er pendelt viel, reist regelmäßig. Das ist anstrengend – für ihn, aber auch für uns als Familie. Aber er liebt den Job. Und ehrlich gestanden, würde ich heute auch nicht mehr mit ihm tauschen wollen. 

Wir haben eine klare Rollenverteilung: Morgens kümmert sich mein Mann um die Kinder. Egal was zu Hause los ist: Ich mache mir einen Kaffee und gehe um halb acht zur Arbeit, er bringt die Kinder in die Kita. Für Arztbesuche, Kleidung und Geburtstagsgeschenke bin ich vorrangig zuständig. Den Haushalt teilen wir uns auf. Bei ungeplanten Ausfällen, wie einem kranken Kind oder Kitanotbetreuung, sprechen wir uns morgens kurz ab. Die Nachmittage sind fest verteilt: Montags und donnerstags sind meine langen Tage im Büro, da holen die Großeltern die Kinder aus der Kita. Dienstags, mittwochs und freitags hole ich sie ab und verbringe mit ihnen die Nachmittage. 

Natürlich entsteht durch meine Teilzeit eine finanzielle Ungleichheit. Deshalb wollen wir in diesem Jahr einen Ehevertrag aufsetzen. Denn was, wenn ich eines Tages nicht mehr in dieser Beziehung sein möchte? Frauen haben bei einer Trennung oft die Arschkarte gezogen.

Bei der Arbeit will ich trotz Teilzeit nicht auf dem Abstellgleis landen. Ich könnte mir vorstellen, meine Stunden noch weiter zu reduzieren, aber mir ist es wichtig, meine berufliche Weiterentwicklung nicht noch weiter zu beeinträchtigen. Nach meiner zweiten Elternzeit wurde ich trotz Teilzeit befördert. Das Glück haben sicher nicht alle Mütter. Trotzdem werden meine Karriereschritte weniger groß sein. Dafür genieße ich die Zeit mit meinen Kindern. Ich hätte es früher nicht gedacht, aber ich brauche genau diese Balance.

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